
Steve Gadd - ready for his mission
Getroffen habe ich ihn schon, den Steve, als er im April bei uns war zu einer fantastischen Clinic – das Interview hat allerdings der “Drums & Percussion” Redakteur Ingo Baron geführt. Hier ein Auszug aus diesem tollen Interview, das Ihr in voller Länge nachlesen könnt in der Juli-Ausgabe des D&P.
Der Tag mit Steve war übrigens ein Knaller! Da steht eine lebende Legende vor den über 500 Besuchern, gibt mit einer Engelsgeduld Hunderte von Autogrammen, macht zig Bilder mit den Leuten und bei der Clinic nimmt er jede Frage ernst und beantwortet sie ausführlich, höflich, aber auch humorvoll. Von seinem unglaublichen Spiel ganz zu schweigen …
Und hier Auszüge aus dem Drums & Percussion Interview von Ingo Baron:
Ein Steve Gadd macht keine Clinic – ein Steve Gadd hält Hof. Diesen Eindruck konnte man zumindest auf seiner aktuellen »Mission from Gadd«-Tour schnell bekommen.
Selten schlagen einem Drummer schließlich eine derartige Bewunderung und Dankbarkeit entgegen, werden bei einer Clinic so viele Fragen gestellt, sieht man so viele selbst berufene Drummerkollegen mit feuchten Händen im Publikum stehen und verschmitzt grinsen. Selten hat man hierzulande freilich auch die Gelegenheit, mit einem Drummer dieses Formats auf derart direkte Tuchfühlung zu gehen.
Gadd gehört bekanntlich seit Jahrzehnten zu den meistaufgenommenen Drummern. Sein nahezu unbeschreiblicher und immer ganz persönlicher Groove, sein Feel und natürlich Meilensteine wie »Fifty Ways to Leave Your Lover« (Paul Simon) oder das Solo in »Aja« (Steely Dan) sind zu Recht mit die hellsten Momente, die unsere Zunft seit Jahrzehnten erleuchten. Generationen von Drummern haben sie in sich aufgesogen. Und doch steckt hinter alldem nur ein Mensch – wenn auch einer, der seltene Gaben hat: Er kann zuhören und hat ein untrügliches Gespür dafür entwickelt, was die Musik braucht!
Wir haben Steve Gadd, der unlängst 65 Jahre alt geworden ist, im Rock Shop in Karlsruhe getroffen und uns mit ihm genau darüber ausführlich unterhalten. Also macht euch bereit für eine »Mission vom Planeten Gadd«...
Du hast 1983 bereits das erste Lehrvideo herausgebracht. Was ist heute wichtigster inhaltlicher Aspekt deiner »Mission« mit Blick auf das Publikum?
»Ach weißt du, ein zentrales Anliegen gibt`s da eigentlich nicht. Mir gefällt es einfach, Leute zu treffen. Lehrer, Drummer, die hier draußen arbeiten, die Inhaber von Drumstores – einfach alle. Mir geht`s in erster Linie darum, Informationen auszutauschen. Für einen Trommlerburschen ist es heutzutage schließlich nicht einfach, im Geschäft zu bleiben. Das alles hat sehr viele Aspekte, über die man sich immer wieder austauschen sollte. Außerdem muss man die Leute doch ermutigen, das zu tun, was sie wirklich wollen. Bei meinen Clinics spiele ich zu Anfang für ein paar Minuten und öffne die Sache dann absichtlich für ein Frage-Antwort-Spiel. Das finde ich am wichtigsten. So entsteht nämlich eine gleichwertige Situation, denn ich lerne schließlich auch immer mehr dazu. Nicht allein das Publikum. Darum geht`s doch letztendlich.«
Du hast auf rund 800 Alben und in unzähligen Touren mit den größten Künstlern unserer Tage gespielt. Hat sich deine Herangehensweise an Studio- und Livearbeit über die Jahrzehnte irgendwie verändert?
»Nein, eigentlich nicht. Meine Herangehensweise ist und war es immer, irgendwohin zu kommen, sich die Musik zu allererst anzuhören und ihr dadurch die Möglichkeit zu geben festzulegen, was ich dazu beisteuern werde. Mir geht es nicht darum, mir im Vorfeld allzu viele Gedanken zu machen, wie etwas werden könnte oder gar sollte. Das steht der Musik dann unter Umständen im Weg herum. Du musst, wenn etwas entstehen soll, für alles offen sein. Das Spielen kommt erst nach dem Hören. Die Musik spielt im Grunde mich. Nicht umgekehrt.«
Wenn du also ins Studio kommst, dann sitzt du erst einmal in der Ecke und hörst?
»Genau. Wenn du bereits über die Musik sprichst, ohne sie gehört zu haben, dann schafft das einfach Probleme. Du fängst nämlich an, bestimmte Dinge in deinem Kopf zurechtzulegen, und die können sich ganz gewaltig von dem unterscheiden, was die Musik eigentlich braucht. Die Musik ist schließlich der beste Führer, den du haben kannst. Erst kommt die Musik, dann die Worte und danach erst das Spielen.«
Wie groß ist denn da der Einfluss der Künstler, die dich buchen?
»Das hängt von der jeweiligen Situation ab. Ich möchte natürlich immer wissen, was der Künstler so an Vorstellungen im Kopf hat – einfach aus dem Grunde, dass mir das hilft. Da gibt es immer wieder die Situation, dass jemand so genaue und gute Ideen hat, dass sie auf gar keinen Fall geändert werden sollten. Dann gibt es aber auch Zeitpunkte, an denen ich mich verstärkt einbringen kann und soll. Auch nach so vielen Jahren ist jede Situation immer wieder ein bisschen anders: Jeder Künstler ist anders und jeder Song natürlich auch. Manchmal kommt es auch vor, dass der betreffende Künstler überhaupt keine Vorstellung hat, wie etwas werden soll.«
Wie bringst du denn deinen offenkundig sehr persönlichen, immer rasch wiedererkennbaren Stil in all diese verschiedenen Arten von Musik, zum Beispiel zwischen Jazz und Pop?
»Ich höre, egal wo, einfach auf die Musik. Das ist alles. Ich lasse die Musik Ideen aus mir herausziehen. Mein Ansatz ist es immer verstehen zu wollen, was die Ideen der Künstler und Produzenten sind. Mein tatsächlicher Job ist es dann, ihnen das, wonach sie suchen, auch zu geben. Das alles wird in dieser Hinsicht vielmehr zu der Leistung einer Gruppe, nicht allein von mir.«
Wie sieht`s denn speziell mit den modernen Schlagzeuggeschichten aus?
»[Pause]. Nun, mir geht`s eigentlich weniger um spezielle Aspekte, sondern vor allem darum, dass sich die Musik gut anfühlt. Wenn es zusätzlich ein Solo geben soll, dann sorge ich natürlich dafür, dass es nach Möglichkeit auch ein gutes wird. In einer Gruppe geht es aber nicht darum, die Aufmerksamkeit auf sich selbst zu lenken, sondern immer darum, die anderen Musiker und das, was passiert, zu unterstützen und voranzubringen. Das ist immer meine Herangehensweise gewesen, und sie funktioniert einfach für mich.«
Stilistisch gesehen gehst du gerne von Rudiments aus...
»Sicher. Rudiments sind aber erst einmal nichts anderes als verschiedene Stickings. Die kannst du dafür benutzen, dich am Set auf verschiedene Weisen zu bewegen. Außerdem kommt so die Technik ins Spiel. Rudiments sind vergleichbar mit Skalen, die Melodieinstrumente nutzen. Werkzeuge! Man wird natürlich niemals alle anwenden, aber es gibt eine Menge von Rudiments, die an einem Drumset einfach sehr gut funktionieren. Je mehr Dinge du aber grundsätzlich kennst, aus desto mehr kannst du auswählen. Wie bei einem Koch: Wenn er viele Gewürze zur Verfügung hat, dann kann er sehr viele verschiedene Geschmacksrichtungen erzeugen. Wenn du nur wenig zur Verfügung hast, dann bist du eben eingeschränkt. Das gilt auch für Musiker: Je mehr Sachen du über die Jahre – technisch – `gesammelt` hast, desto besser kannst du sie untereinander kombinieren. Das Ganze ist alles andere als eine Geheimwissenschaft: Auch ein Schreiner braucht schließlich verschiedene Werkzeuge, um ein bestimmtes Möbelstück herzustellen. Je mehr Werkzeuge er zur Verfügung hat, desto kreativer kann er sein. Das heißt aber auch, dass, will er ein einfaches Produkt herstellen, er sicher nicht alle Werkzeuge einsetzen wird – aber wenn jemand etwas Aufwendigeres haben möchte, dann weiß er dennoch, was er benutzen muss. Das gilt auch für Rudiments und alles, was du auf deinem Instrument jemals gelernt hast. Je mehr du weißt, desto mehr kannst du auf den Tisch legen.«
Wie wichtig ist Blattlesen heute bei deiner Arbeit?
»Manchmal ist es schon sehr, sehr wichtig. Manche Künstler kommen ins Studio und haben ihre Sachen komplett ausnotiert dabei. Andere haben nur Lead-Sheets. Du weißt nie genau, was dich erwartet. In der Retrospektive war es etwa die Hälfte der Zeit wirklich wichtig, vom Blatt lesen zu können. – Aber im Grunde gibt es eben nie ein Rezept, wie man mit diesen Dingen umgehen soll. Grundsätzlich gilt: Je besser du vorbereitet bist, desto besser kommst du mit einer Situation klar.«
Du bist vor allem für Feel und Groove berüchtigt. Wie würdest du deinen Stil persönlich beschreiben?
»Das kann ich nicht beschreiben. – Ich glaube fest, dass grundsätzlich jeder in der Lage ist, einen Groove zu spielen. Viel wichtiger ist, dass du wirklich daran glauben musst, was du da tust, und es wirklich tun willst. Das versuche ich. Ich habe über all die Jahre mit vielen Musikern spielen dürfen, für die der Groove wirklich wichtig war. Also habe ich von ihnen gelernt. Die wichtigste Lektion ist, dass wenn du dich einmal in einen Groove eingefunden hast, du ihn nicht mehr wesentlich verändern musst. Du brauchst keine Unmenge von Fills. Sorge einfach dafür, dass der Groove wirklich `passiert` – wenn du verstehst, was ich meine. Wenn es dann an ein Solo geht, dann kannst du über diesen Groove solieren, aber viele Drummer wollen auch sonst halt gerne sehr, sehr viel spielen. Aber oft genug steht das dem im Weg, was du eigentlich tun willst. Der Königsweg ist es eigentlich, dass du die gleiche Sache erst einmal lange genug spielen musst, um den Groove auch fühlen zu können. Wenn du die ganze Zeit Fills einbaust, dann wirst du an diesen Punkt erst gar nicht gelangen. Erst wenn du den Groove fühlen kannst, weißt du, wo dein Ziel ist.«
Welchen Stellenwert haben Songs wie »Fifty Ways to Leave Your Lover« oder das Solo in »Aja«, die ja ständig zitiert werden, für dich persönlich heute?
»Vor allem sind es Songs, die nun mal so entstanden sind, wie man sie jetzt kennt. Ich schätze mich heute sehr glücklich, dass Paul Simon mich damals angerufen hat. Er und Phil Ramone [Produzent] haben mir seinerzeit sehr dabei geholfen, `Fifty Ways` aus mir herauszuholen. Auch Walter [Becker] und Donald [Fagen] haben mich damals sehr unterstützt – einfach, weil sie nach bestimmten Dingen gefragt haben. Sie wollten am Ende von `Aja` eben ein `verrücktes Solo` haben. Hätten sie nicht danach gefragt, hätte ich es auch nicht gespielt. Es freut mich heute noch, dass sie mich zum einen gefragt haben, ihre Musik zu spielen, zum anderen, dass sie sich die Zeit genommen haben, mir dabei zu helfen, dass ich verstehe, was sie wollten.«
Du hast über Dekaden Schlagzeuger beeinflusst wie kaum ein anderer. Siehst du dich selber als eine Art Vorbild für Drummer?
»Ich sehe mich nicht als ein Vorbild, nein, nein [Pause]. Ich versuche lediglich, das Beste zu liefern, das ich liefern kann [Pause]. Das gilt nicht allein fürs Schlagzeugspielen. Ich versuche einfach, ein `guter Typ` zu sein, der sich darum kümmert, das nach seinen Möglichkeiten Beste zu spielen. Aber genauso wichtig ist es für mich, zum Beispiel ehrlich und pünktlich zu sein. Das habe ich immer so gehalten. Vor dreißig Jahren habe ich bestimmt nicht darüber nachgedacht, irgendwann einmal als `Vorbild` gehandelt zu werden. Ich habe einfach gemacht, was ich eben gemacht habe. Dreißig Jahre später fühle ich mich immer noch gut damit, kann zurückschauen und mit den Ergebnissen zufrieden sein. Über die Jahre habe ich eines gelernt, das du vielleicht damit vergleichen kannst, ein gutes Elternteil abzugeben: Es geht nicht darum, dass deine Kinder tun, was du ihnen sagst. Kinder sehen Dinge, die dir vielleicht nicht einmal bewusst sind, und adaptieren sie für ihr Leben. Wenn du dein Umfeld also vernünftig, ehrlich und fair behandelst, dann wird vielleicht eines Tages jemand, den du unter Umständen nicht mal persönlich kennst, dich imitieren. Einfach, weil dein Verhalten okay war. – Wenn du jemals zu einem Vorbild oder was auch immer werden solltest, dann hängt das viel stärker an solchen Dingen als daran, dass du krampfhaft versucht, ein Vorbild für was auch immer zu sein. Respekt, Ehrlichkeit und ein `Bitte` und `Danke` zur richtigen Zeit machen schon verdammt viel aus. Außerdem solltest du natürlich einhundert Prozent deiner Leistung geben.«
Gibt`s für dich so etwas wie Perfektion?
»Nein. – Ich versuche, immer wieder neu zu lernen und aus den Gegebenheiten das Beste herauszuholen. [Pause]. `And that`s it`.«
Hast du heute noch Herausforderungen, wenn du ins Studio oder auf die Bühne gehst?
»Es gibt immer nur eine Herausforderung, und die hat sich auch nie verändert: Du musst die Musik gut klingen lassen!
Es wird ja immer viel von einer Businesskrise oder zumindest einer -veränderung gesprochen. Wie siehst du das?
»Ich weiß es auch nicht ganz genau. Mich beeinflusst das Business in der Tatsache, dass ich heute vielleicht weniger Studioaufnahmen und mehr Livearbeit mache. Die Dinge ändern sich nun mal, und wir müssen uns mit ihnen verändern. Das ist doch eine vernünftige Sache, und ich bin deswegen auch ganz sicher nicht verärgert. `Go with the flow`.«
Wie sieht deine Empfehlung an den Nachwuchs aus?
»Probiert das Musikerdasein einfach aus! `Give it a shot`! Du wirst das Nötige nie herausfinden, wenn du es nicht versuchst. Man sollte keine Angst haben, das zu tun, was man liebt. Erfolg ist schließlich nicht das Ende des Weges. Erfolg ist es, auf dem Weg zu sein und die Reise zu genießen. Wenn man Erfolg so versteht, dann kann man lange unterwegs sein – und Spaß daran haben.«
Denkst du persönlich auch mal über einen Rückzug aus dem Musikgeschäft nach?
»Nein. Rente ist kein Thema [lacht]. – Ich meine, Arbeit ist doch eine tolle Sache, oder?! Außerdem ist sie gesund. Davon abgesehen ist natürlich auch wichtig, Zeit mit der Familie zu verbringen. Ich habe schließlich eine Frau, Kinder und Enkel. Aber die Arbeit ist eben auch wichtig. Also bin ich froh, dass ich arbeiten kann und darf.«
Wie sieht`s mit deinen Plänen für die Zukunft aus?
»Ich möchte einfach mit dem weitermachen, was zurzeit tue. Ich habe auch einige Sachen produziert, zum Beispiel das `Steve Gadd and Friends`-Album, das demnächst erscheinen wird, oder ein Album für Edie Brickell mit ihren Songs [`Edie Brickell and the Gaddabouts`]. Außerdem habe ich noch eine Platte für die japanische Marimbaphonistin Mika Yoshida gemacht. Dafür habe ich auch an den Arrangements mitgearbeitet. Auch wieder eine neue Herausforderung! Außerdem spiele ich weiterhin mit James Taylor und bin mit Eric Clapton und Steve Winwood unterwegs. Dann gibt`s noch die Arbeit mit David Sanborn sowie eine Band mit Mike Mainieri und Tony Levin. Über die Jahre sind halt einige Freunde zusammengekommen. – Ich mag die Musik, die ich heute mache, und die Leute, mit denen ich sie spielen darf und über die Jahrzehnte durfte. Außerdem macht mir auch das Produzieren Spaß.«
Dein Set-up hat sich über die Jahrzehnte nicht grundlegend verändert. Warum?
»Weil es ganz einfach funktioniert. Die einzigen Veränderungen, die ich mal vornehme, beschränken sich auf die Größen der Kessel. Anstelle von 12" und 13" Toms nehme ich auch mal 10" und 12" sowie 14" und 16" Toms. Aber grundsätzlich kann ich dieses Set eben in sehr vielen Situationen einsetzen. Ich habe es in dieser Hinsicht halt gerne einfach, übersichtlich und so, dass es der Musik dient [lacht].«
Interview : Ingo Baron für Drums & Percussion 04/2010
www.drumsundpercussion.de
Weitere Infos zu Steve Gadd: www.drstevegadd.com
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